Was soll ich mit einem Glasschneider, habe ich mich damals gefragt, und wenn ich ihn heute ansehe, sehe ich dich. Wie Du am Tisch sitzt, und zu meinem Freund sagst „Rauch bitte!“, und wie Du in die dunkelblauen Schulhefte Indianer für mich zeichnest, und die Busenmarie. Wie Du mir die Schulter klopfst, und sagst: „Gut, Mädchen, gut!“ Das Kartenspielen habe ich von dir gelernt, und es hat dir auch am Ende immer noch gefallen, als Du längst nur noch auf Verdacht ausgespielt hast, weils nicht mehr geklappt hat mit dem Rechnen. Ich erinnere mich an das Versteck der Münzsammlung, und mein Versprechen an dich, die Oma nicht so ganz allein zu lassen. Wie Du den Hausflur hinuntergeschlurft bist, und ich dir gesagt habe „Machs gut“, und gedacht habe „so oder so“, und irgendwo tief in mir drin gewusst habe, das war das letzte Mal dass wir uns gesehen haben, in diesem Leben. Ich stelle mir vor, wie Du mit deinen alten Kriegskameraden Karten spielst, rauchst, lachst und von den Streichen erzählst, die Du mit deinen Brüdern den Leuten gespielt hast. Wie Du mir fehlst, Opa, wie Du mir fehlst! Wie mir fehlt, dass ich mit dir so gut hab reden können, dein verlässliches genau-an-diesem-Platz-sitzen, wenn ich komme, das Tabletten herrichten, deine Freude an mir, deinem ersten Enkelkind, dass dir wie die Tochter gewesen sein soll, die Du dir gewünscht hattest (sagt Oma). Ich sehe auf das Bild, auf dem Du mich mit meinem ich-bin-aber-trotzdem-ein-Mädchen-Haarschnitt auf dem Arm hältst, und wir sehen sehr fröhlich aus, Du und ich. Bei jeder hundertsten Zigarette denke ich an dich, und wegen dir, vor allem wegen dir, will ich an ein irgendwie-Paradies glauben. Manchmal, sagt Oma, liegst Du auf dem Sofa und siehst mit ihr fern. Obwohls ja keinen Himmel gibt, sagt sie, man war ja da oben, auf dem Mond, und da war nirgendwo ein Gott, aber sie betet trotzdem jeden Abend, weil sie´s nun mal so gewöhnt ist. Seit Jahren. Ohne dass Du es je gewusst haben sollst, glaubt sie, aber ich glaube, Du hast sie in dem Glauben gelassen. Und als ich da drüben geputzt habe, da oben im Zimmer der Uroma, die mir so ähnlich gewesen sein soll, da hab ich es gefühlt, wie Du mir die Schulter klopfst und sagst „Gut, Mädchen. Gut.“
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seit dem 17. Juni 2011 ist die iranische Sportjournalistin Maryam Majd verschwunden. Sie befand sich bereits auf dem Weg nach Deutschland, wo sie die Spiele der Frauen-Fußballweltmeisterschaft besuchen und dokumentieren wollte. Als Maryam Majd in Deutschland allerdings nicht aus dem Flugzeug stieg, schlug ihre deutsche Gastgeberin Petra Landers, ehemalige Fußballnationalspielerin, Alarm und informierte das Auswärtige Amt über das Verschwinden der iranischen Journalistin.
Mittlerweile ist auch von offizieller Seite bestätigt, dass Maryam Majd verhaftet und in das Teheraner Gefängnis von Evin gebracht worden ist. Zu den näheren Umständen und den Gründen ihrer Verhaftung ist allerdings immer noch nichts bekannt.
Maryam Majd ist in ihrer Heimat nicht nur für ihre sportjounalistische Arbeit sondern auch für ihr Engagement für Frauenrechte bekannt. So arbeitet die Journalistin für eine Kampagne, die Frauen den uneingeschränkten Zugang zu Sportstadien ermöglichen will. Bisher dürfen Frauen im Iran nur Veranstaltungen des Frauensports besuchen.
Die Internetplattform Women Living under Muslim Law hat eine Protestaktion gestartet, mit der sie die sofortige Freilassung von Maryam Majd erwirken will. TERRE DES FEMMES unterstützt die Forderung nach der Freilassung von Maryam Majd.
Fordern auch Sie Maryam Majds Freilassung und beteiligen Sie sich an der Protestaktion von Women Living Under Muslim Law!
Hier kommen Sie direkt zum Online-Formular der Protestaktion: http://www.wluml.org/node/7389
Erfahren Sie mehr über Maryam Majd und die Situation im Iran in einem ZDF-Beitrag:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/v…rf-nicht-zur-WM
Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihre Unterstützung.
Sibylle Schreiber
Fachbereichsleiterin
TERRE DES FEMMES e. V.
Bundesgeschäftsstelle
Brunnenstr. 128
13355 Berlin
Staunend stehen wir vor der Welt
Deine Hand in meiner
Meine Hand in deiner
Fegt der Wind allen Staub von der Straße
die wir gehn
Geborgen, sicher aneinander beschützt
Der Sturm zerzaust uns das Haar
gehen wir
wir gehen
zu auf die Wunder dieser Welt
Mit eigenen Augen sehend
Mit eigenen Ohren hörend
Mit unseren Häuten, die wir nicht mehr zu Markte tragen
Wir fühlen
Wie Eins
Das Meer spült den Sand fort
Der Wind trägt ihn weit
weiter
in die Weite
dieser unbegreiflichen Welt
Alles weitet sich vor unseren Füßen
Schritt um Schritt
tasten wir uns sicher voran
Das Unbekannte kennt keinen Schrecken
Gemeinsam kennen wir ihn nicht.
Endlos, Ewig
Sein
Gegenwärtig in der Gegenwart
so strecken wir uns aus
im Sand
im Staub
in dieser Welt
in dieser Weite
in der wir nicht verloren sind
uns einander in den Herzen
an den Händen
in den Augen, auf den Lippen, in den Ohren
Du hast allen Schrecken gebannt.
Meine Hand in deiner.
Deine Hand auf mir.
Einfach.
Wir.
Zurückgeworfen auf mich selbst
löst sich in Rauch auf
steigt in blauen Schnörkeln zur Decke
wer ich war.
Mich aufzudecken
war ich ausgezogen, hab ich mich verlassen,
ganz im Wortsinne.
Unsinnig. Dich verlassen. Uns.
Die Zeit vergeht einfach nicht.
Was zu tun war, ist getan.
Was Ablenkung gewesen
fort.
Ich bin allein.
Die Zeit vergeht.
Was zu tun sein wird, wird getan werden.
Ablenkung wird sich finden.
Hier in mir.
Draußen ist es Nacht geworden.
Der Schlaglichtschatten aus der Küchenlampe
hat mir blaue Augen gemacht
und einen blutigen Mund.
Wird schon.
Heilt schon.
Dunkelheit tropft von der Decke.
Eisregens Kälte. Wow.
„Bist Du es?“ rufe ich in die Dunkelheit
und er erinnere mich
dass Du es nicht sein kannst
weil Du nicht mehr nach Hause kommst.
Weil es kein zu Hause mehr gibt.
Weil es nur noch „die Wohnung“ gibt, die kalte, leere, schlecht riechende Wohnung, die leeren Rechtecke an den Wänden, an denen unsere Fotos gehangen haben, die Zeichnungen der Kinder, Schnappschüsse vom Badesee im Sommer, deine Speckröllchen unter dem rosa gepunkteten Bikinioberteil. Dich haben sie immer gestört.
„Bist Du es?“ rufe ich in die Dunkelheit
und mache mir klar
dass Du es nicht sein kannst
weil Du keinen Schlüssel besitzt.
Weil wir uns noch nie im wirklichen Leben begegnet sind.
Weil es nur noch die leere Sehnsucht nach dir gibt, die unerfüllte, nie geborene Liebe, die Schwärze des Bildschirms, an dem wir Nächtelang geredet und uns erhitzt haben, das leere Postfach, die Stille im Messenger, das weiße Feld in dem dein Avatar mit der grünen Turmfrisur gewesen ist. So leise wie Du kamst, bist Du gegangen.
„Bist Du es?“ rufe ich in die Dunkelheit
und antworte mir
dass ich es nicht sein kann
weil man sich selbst so was ja nicht fragt.
Weil es keinen Sinn macht.
Weil man sich selbst erkennt, und weiß, wo man sich aufhält, und sich demzufolge nicht zu fragen braucht „bist es Du“. Ich streiche über meinen Bauch. So hast Du mich berührt. So wäre Deine Berührung gewesen. „Ja, ich bin´s, Liebes!“ rufe ich mir zu, und lege die Arme um mich. Ich wünschte, ich wäre weniger still und hätte mir etwas zu sagen.


