Mein lieber Freund! (2.Brief)

Ich muss dir von meinem Besuch im Theater erzählen: Ich saß im Publikum und beobachtete den Auftritt einiger sehr erfogreicher Sportgymnastinnen. Stell dir vor: Ich sehe den anmutigen Mädchenkörpern zu, wie sie sich biegen und strecken und frage mich, ob die Männer im Publikum nur hier sind, weil die Dresses so eng anliegen. Ich frage mich, was ich von dieser gelungenen Domestizierung des erblühenden weiblichen Körpers halten soll – schön sieht es aus, und Körpergefühl, ja, Körperbeherrschung ist doch was tolles. Andererseits ist das doch keine natürliche Art, sich zu bewegen. Und bei den ‘Ehemaligen’ kann man das auch sehen: Nix mehr mit Grazie. 

gym

Ich wäre auch gerne grazil. Anmutig. Vielleicht weißt Du noch, dass ich als Kind auch mal in einer Sportgruppe dieser Art gewesen bin. Ich war ein ganz normales Kind, aber eben trampelig (Letzteres ist mir geblieben). Zwischen all den feingliedrigen, biegsamen Mädchen kam ich mir vor wie ein Baumstamm mit Wasserkopf. Ein Panzer der alles niederwalzt. Aber erst, als Frau Kuhn kam.

Vor Frau Kuh war die Welt noch in Ordnung. Vor Frau Kuhn war Dagmar, und Dagmar hat immer gelacht und wir hatten viel Spaß im Training. Bei Dagmar war ich ungelenkes Wesen beinahe so weit, einen Spagat zu Stande zu bringen. Dann ging Dagmar weg, und an ihrer Stelle kam Frau Kuhn mit ihren beiden gehässigen Helferinnen, die dachten, ich bin zu klein um zu merken, dass sie hinter meinem Rücken lachen. Frau Kuhn wäre als Domina sicher sehr erfolgreich gewesen. Bei ihr mussten wir so lange im Kreis rennen, bis ich keine Luft mehr bekam. Sie wollte, dass wir mit dem Band über dem Kopf Wellenlinien machen, auf die Wand zurennen und dann rückwärts wieder zurück kommen. Sie hat gebrüllt, dass ich nicht so heftig stoppen soll. Bis heute weiß ich nicht, wie man die Laufrichtung ändern soll, ohne vorher anzuhalten…  Frau Kuhn hat mich echt fertig gemacht. Aber ich lies mich nicht klein kriegen von den gemeinen, kichernden Hilfstrainerinnen. Ich lies mich nicht entmutigen von meiner Unfähigkeit zu elegantem Bremsen – einmal bin ich frontal und ungebremmst gegen die Wand geknallt, weil ich nicht mehr wusste, was ich tun soll. Ich lies mich auch nicht entmutigen, als meine Freundin, die ich ins Training mitgebracht hatte, gelobt wurde – und ich nicht. Geheult habe ich erst, als die Kuhn gesagt hat, dass ich und die pummelige Michaela „Die Gruppe bremsen“ und „hier nicht reinpassen“ und „besser was anderes“ suchen sollen. Ich war am Boden zerstört, nicht nur, weil man mich mit der plumpen Michaela und ihrer Igelfrisur auf eine Stufe (herab)gesetzt hatte. Ich war am Boden zerstört, weil ich noch nie davon gehört hatte, dass man einen als Kind grundlos aus dem Sportverein werfen kann! Das war dann auch das einzige Mal, dass meine Mutter zum Telefonhörer griff, um jemanden anzurufen, der mich unglücklich gemacht hatte. Sie sagte Frau Kuhn, dass ich fürchterlich geweint hätte, und verlangte eine Erklärung. Weißt Du, mein Freund, was diese Kuh(n) ihr geantwortet hat? Sie habe ja nur gedacht, ich hätte keinen Spaß am Training (Ja, und verdammt noch mal, den hatte ich auch nicht!), aber ich dürfe selbstverständlich wieder kommen, wenn ich das wollte. Das sei nur ein Missverständnis gewesen. Meinerseits. Na klar.

Es ist zuviel verlangt von einer Achtjährigen, einer Kuhn und ihren Hilfshexen die Stirn zu bieten, nachdem sie einen vor der versammelten Mannschaft wegen Nicht-Könnens rausgeworfen haben. Das hat Frau Kuhn gewusst, und ich natürlich auch. Und so fügte ich mich in mein Schicksal, künftig in „Sport Queerbeet“ mal dies, mal das zu tun – auch nicht sonderlich erfolgreich, aber wenigstens in Frieden. Ich fügte mich in mein Schicksal, mich mit der blöden, thumben Michaela abzugeben, die in mir eine Leidensgenossin, eine Gleiche sah. 

All das und vieles mehr ging mir durch den Kopf, während ich, Feminismus hin, Feminismus her, bewundernd den schönen jungen Mädchen zusah, die scheinbar keine Probleme mit dem grazilen Bremsen hatten. Neid? Bedauern? Ich kann dir, mein Freund, wirklich nicht so ganz genau sagen, was da alles in mir vorging.

Unglücklich knuffte ich die Jacke auf meinem Schoß zusammen und hoffte auf das Ende der Vorstellung. Und dann geschah etwas wundervolles: Eines der Mädchen sang. Und es war grauenhaft. Ich krallte mich verzückt in den Theatersessel und liebte sie für ihre Elchstimme, und das Unvermögen, den richtigen Ton zu treffen. Ich kann singen. Sehr gut sogar. Vielleicht war die Kuh ja deshalb so eine verbitterte alte Hexe: Grazie futsch, Elfenfigur futsch – und singen konnte sie ganz sicher auch nicht.

Es grüßt dich,

Deine mit ihrem Schicksal etwas versöhnte Lumi

~ von Lumi Niszenz am 01 Dezember 2008.

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