Oma Niszenz und der Hausnotruf

„Das hat sie mit Absicht gemacht!“ schreit Vater Niszenz. „Ich erkenne erst jetzt, was meine Mutter für eine Person ist!“ Die Schwester von der Sozialstation sucht nach ausgleichenden Worten. Lumi grinst. „Na klar, die Oma ist heute Nacht an ihre Bettkante gerobbt und hat gedacht ‘Jetzt werf ich mich auf den kalten Boden und bleib drei Stunden da liegen, um meinen Sohn zu ärgern’ !“ Vater Niszenz starrt Lumi böse an, aber die Schwester hat inzwischen Worte gefunden: „Ich glaube nicht, Herr Niszenz. Das passiert. Aber natürlich macht man sich da Sorgen…“ Vater Niszenz wedelt mit den Armen: „Sie will mir nur ein schlechtes Gewissen machen! Man liegt doch nicht drei Stunden vor dem Bett herum und kommt dann doch von selber wieder rein!“ Die Schwester beschwichtigt und erklärt, dass das schon sein kann und dass die Oma Niszenz doch ganz in Ordnung sei, wenn auch erschreckend stur. Vater Niszenz fühlt sich verstanden. Der Friede ist wiederhergestellt, und die Schwester verspricht, die Kollegin zu schicken, damit man einen Hausnotruf installiere.

Die Instalationsschwester brüllt Oma Niszenz so an, dass ihre Dauerwelle sich gefährlich flach an den Kopf legt.  Lumi hat der Oma eben schon die Hörgeräte ausgehändigt, aber das Organ der Schwester hat sich aller Hinweise zum Trotz nicht entsprechend reguliert. „Sie müssen auf den Knopf drücken! Einmal, bis das Licht aufleuchtet!“ Oma Niszenz blinzelt. „Sie brauchat it so schreia!“ Die Schwester reagiert nicht, also drückt Oma den Knopf, den sie an einer Schnur um den Hals trägt. „Wenn der ins Klo fällt, nicht runterspühlen!“ sagt die Schwester. Oma Niszenz starrt sie irritiert an. „No ischer jo sowieso he!“ Die Schwester brüllt, der Knopf sei wasserdicht, und daher auch und vor allem in der Dusche zu tragen oder jedenfalls griffbereit zu halten. Die Lumi-Oma möge nun endlich mal drücken. Den Knopf. Die Oma drückt, das Lichtlein leuchtet auf, die Oma drückt weiter, das Lichtlein leuchtet nochmal, die Oma drückt und drückt und nimmt den Finger nicht mehr weg. „Es reicht, Oma, nur einmal, bis es leuchtet“ sagt Lumi, und dann schreit die Schwester das Selbe nochmal. Im Flur knirscht es in der neuen Gegensprechanlage, und die Zentrale in Freiburg meldet sich. „Hallo-Frau-Niszenzzzz. Ihr erster Proberuf – wir heißen Sie Willkommen! Wo-sind-sie-denn-jetzt?“ „Daheim!“ ruft Oma. „In welchem Zimmer!“ konkretisiert die Stimme. „Im Wooooohnzimmer!“ ruft Oma, nachdem die Schwester laut und Lumi leise übersetzt haben. Nun stürmt Lumis Vater herein, der ganz aufgelöst und schon wieder wütend ist, weil die Oma – „Nur grad mit Absicht!!!“ – die Wäsche aufgehängt, und darum die Schwester an der Tür überhört hat. „Des tut die alles nur grade mit Absicht!“ Die Oma und Brüllschwester sind inzwischen ins Schlafzimmer gegangen, um den Knopf dort einmal zu drücken. Die Stimme aus der Gegensprechanlage fragt „Wo sind sie jetzt, Frau Niszenz?“ Oma Niszenz, die ins warme Wohnzimmer zurückgekehrt ist, ruft „Im Woooohnzimmer!“  und Brüllschwester brüllt „Wir waren aber grade im Schlafzimmer!“ Nun wird von draußen getestet, auf dem Dachboden und aus dem Bad auch noch. „I verschdand dia it!“ murmelt Oma Niszenz ärgerlich, und Lumi und Brüllschwester erklären zum dritten Mal, dass auf alle Fälle jemand kommt und dass egal ist, was die Stimme sagt, solange Oma nur schreit „Hilfe!“ oder was auch immer. Aber erst nach dem Piepton. „I verschdand Sie it!“ schreit Oma Niszenz die Lautsprecherstimme an, und die antwortet: „Ich verstehe Sie nicht, bitte warten Sie den Piepton ab!“ „Ha I schwätz halt Schwäbisch!“ brüllt Oma Niszenz leicht außer sich, bevor es ‘Piiiiep’ macht. Den Knopf für „Ich bin außer Haus / ich bin wieder daheim“ und „Ich melde, dass es mir gut geht“ erklärt die Brüllschwester nicht. „Lassen Sie einfach die Finger weg, Frau Niszenz! Ok!“ “Am besten sollt I glei ins Altersheim gau!“ murmelt Oma Niszenz, und Lumi sagt „Das ist ja wohl nicht dein Ernst!“ Oma Niszenz erklärt, sie wolle ihr Geld ja für die Enkel sparen, und Lumi entgegnet das sei nett gemeinter Schwachsinn. „Aber wenn I mol nemme kocha ka!“ sagt die Oma, und Lumi holt grade Luft, als die Oma sagt „S gibt jo au den rollenden Mittagstisch! Außerdem isch dahoim schöner! Und wenn I ´s nochmal zu entscheiden hätt, würd I  sowieso koine Kender mehr kriega!“

~ von Lumi Niszenz am 05 Dezember 2008.

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