Kartoffelbrei

Meine Mutter hatte stets mit Liebe gekocht. Vor allem ihrem Kartoffelbrei war das anzumerken. Viele hundert Knollen hat sie in meiner Kindheit geschält, gekocht, zerdrückt, mit Milch, Butter, Muskatnuss, Pfeffer und Salz vermengt und dampfend serviert. Mit Füßchen, versteht sich – einem gerade soviel angebackenen Rest am Topfboden, dass es als rare knusprige Köstlichkeit verspeist werden konnte. Kartoffelbrei war das Erste, was ich nach der Muttermilch als Nahrung akzeptierte, mit Kartoffelbrei wurde ich drei, sechs, zehn Jahre alt. Wenn ich aus der Schule kam, konnte ich meine Leibspeise, mein Seelenfutter, schon im Hausflur riechen. Nichts Schöneres hätte ich mir vorstellen können als das Märchen mit dem Töpfchen-Koche-Kessel in der Kartoffelbreiversion. Die Jahre vergingen und ich wurde unaufhaltsam größer, war zwölf, dreizehn, bald fünfzehn Jahre alt.

Eines Tages kam ich nach Hause; ich wusste es würde Kartoffelbrei geben, und den ganzen Vormittag lang hatte ich an nichts anderes gedacht. Im Flur sog ich den Duft ein, so wie ich es mein Leben lang getan hatte – doch er war dünn geworden, die Basisnote eines zu lange getragenen Parfums.

Am Tisch schob ich bedächtig den ersten Löffel in den Mund.

Schluckte.

Nahm den zweiten.

Er schmeckte nicht.

Er schmeckte nicht nach Kartoffelbrei. Ich wollte meine Mutter nicht kränken, also schwieg ich. Vielleicht lag es an mir, vielleicht war ich in einem Alter, in dem die Tage des Kartoffelbreis gezählt sind. Auch beim nächsten und beim übernächsten Mal war der Kartoffelbrei einfach nicht mehr Kartoffelbrei.

Mit Sechzehn schlich ich eines Nachts in die Küche.

 

Dort fand ich Fertigbeutel für Püree.

 

Ich aß sie leer, Flocken und Tränen. Nie hätte ich geglaubt, dass sie dazu fähig sein könnte!

In der folgenden Zeit wurden die Packungen immer größer, billiger, das Püree immer wässriger.

 

Ich vergas, wie Kartoffelbrei schmeckt.

 

Übrig blieb nur der Brechreiz. 

~ von Lumi Niszenz am 31 Januar 2009.

2 Antworten to “Kartoffelbrei”

  1. Das ist – ganz ehrlich gemeint – echt traurig… Kann gut mitfühlen.

  2. Nun – es ist literarisch, und daher nicht der Wahrheit verpflichtet. Aber auch nicht der Fiktion…! Danke.

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