Was soll ich mit einem Glasschneider, habe ich mich damals gefragt, und wenn ich ihn heute ansehe, sehe ich dich. Wie Du am Tisch sitzt, und zu meinem Freund sagst „Rauch bitte!“, und wie Du in die dunkelblauen Schulhefte Indianer für mich zeichnest, und die Busenmarie. Wie Du mir die Schulter klopfst, und sagst: „Gut, Mädchen, gut!“ Das Kartenspielen habe ich von dir gelernt, und es hat dir auch am Ende immer noch gefallen, als Du längst nur noch auf Verdacht ausgespielt hast, weils nicht mehr geklappt hat mit dem Rechnen. Ich erinnere mich an das Versteck der Münzsammlung, und mein Versprechen an dich, die Oma nicht so ganz allein zu lassen. Wie Du den Hausflur hinuntergeschlurft bist, und ich dir gesagt habe „Machs gut“, und gedacht habe „so oder so“, und irgendwo tief in mir drin gewusst habe, das war das letzte Mal dass wir uns gesehen haben, in diesem Leben. Ich stelle mir vor, wie Du mit deinen alten Kriegskameraden Karten spielst, rauchst, lachst und von den Streichen erzählst, die Du mit deinen Brüdern den Leuten gespielt hast. Wie Du mir fehlst, Opa, wie Du mir fehlst! Wie mir fehlt, dass ich mit dir so gut hab reden können, dein verlässliches genau-an-diesem-Platz-sitzen, wenn ich komme, das Tabletten herrichten, deine Freude an mir, deinem ersten Enkelkind, dass dir wie die Tochter gewesen sein soll, die Du dir gewünscht hattest (sagt Oma). Ich sehe auf das Bild, auf dem Du mich mit meinem ich-bin-aber-trotzdem-ein-Mädchen-Haarschnitt auf dem Arm hältst, und wir sehen sehr fröhlich aus, Du und ich. Bei jeder hundertsten Zigarette denke ich an dich, und wegen dir, vor allem wegen dir, will ich an ein irgendwie-Paradies glauben. Manchmal, sagt Oma, liegst Du auf dem Sofa und siehst mit ihr fern. Obwohls ja keinen Himmel gibt, sagt sie, man war ja da oben, auf dem Mond, und da war nirgendwo ein Gott, aber sie betet trotzdem jeden Abend, weil sie´s nun mal so gewöhnt ist. Seit Jahren. Ohne dass Du es je gewusst haben sollst, glaubt sie, aber ich glaube, Du hast sie in dem Glauben gelassen. Und als ich da drüben geputzt habe, da oben im Zimmer der Uroma, die mir so ähnlich gewesen sein soll, da hab ich es gefühlt, wie Du mir die Schulter klopfst und sagst „Gut, Mädchen. Gut.“
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